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OptiMedium Juli 2012

Mehr Wettbewerb im englischen Gesundheitswesen: Ärzte erhalten Budgetverantwortung – Ein Gastbeitrag von Prof. Alex Kaehne, University of Cardiff

National Health Service (NHS)In Großbritannien ist Ende März das neue Gesetz für das Gesundheits- und Sozialwesen in Kraft getreten. Der britische Premierminister David Cameron bezeichnete dies als die tiefst greifende Reform des National Health Service (NHS) seit seiner Gründung. Das Gesetz reformiert den englischen NHS umfassend. Rechtlich gesehen gibt es seit 1999 in Großbritannien eigentlich vier verschiedene Gesundheitsdienste, da Gesundheit Landessache ist. Das neue Gesetz ist insofern vorerst nur in England gültig.

Der englische NHS ist steuerfinanziert und in einer schwierigen Finanzlage. Nach zehn Jahren enormer Budgeterweiterungen unter der Labour-Regierung von Tony Blair sind zwar die Wartezeiten für Patienten gesunken, aber auch die Produktivität des Sektors. Steigende Kosten für Medikamente und medizinische Leistungen stellen eine große Herausforderung für die gegenwärtige Koalitionsregierung dar. Sie kann entweder mehr Steuergelder in das Gesundheitswesen investieren oder auf höhere Effizienz der gegenwärtigen Anbieter dringen. Der Gesundheitsminister Andrew Lansley hat sich entschieden, durch mehr Markt unter den Anbietern von Gesundheitsleistungen mehr Effizienz zu erreichen.

Die Reform des englischen Gesundheitsdienstes im letzten Monat ist wohl die radikalste Veränderung des NHS, seit er 1946 geschaffen worden ist. Das Gesetz sieht die Abschaffung der NHS Primary Care Trusts (PCTs) und der Strategic Health Authorities (SHAs) vor. Stattdessen soll das Budget der Facharzt-, Krankenhaus- und Pflegeleistungen des NHS von zentralen staatlichen Kommissionen auf mehrere Hundert neu zu schaffende "Clinical Commissioning Groups", in denen die lokalen Allgemeinärzte dominieren, übertragen werden. Das Budget beträgt immerhin rund 60 Milliarden Pfund. Die Idee dahinter ist, dass die regionalen Allgemeinärzte besser als zentrale Kommissionen wissen, wer die besten Anbieter von Gesundheitsleistungen in ihrer Region sind. Die „Clinical Commissioning Groups“ sind als Integrierte Versorgungssysteme mit Budgetmitverantwortung zu verstehen, allerdings für alle Patienten in einer Region, da es ja nur den NHS und keine verschiedenen Krankenkassen in England gibt. Sie sollen zwar in erheblichem Maße reguliert werden, können aber frei unter den lokalen Anbietern die notwendigen Leistungen für ihre Patienten kaufen.

Damit können ausgerechnet im Musterland der „socialized medicine“ – wie es die Republikaner
in den USA immer behaupten – private und öffentliche Anbieter von Gesundheitsleistungen (mit wenigen Einschränkungen) gleichberechtigt in den Wettbewerb treten. Die Reform ist ein radikaler Bruch mit der Tradition des NHS, der bis jetzt hochgradig reguliert und in öffentlicher Hand war. Da die Allgemeinärzte zum 1. Januar 2013 die Budgetverantwortung für Gesundheitsleistungen erhalten sollen und auch private Anbieter für die CCGs wiederum das Management übernehmen können, haben Kritiker von einer Privatisierung des nationalen Gesundheitsdienstes gesprochen. Tatsache ist jedoch, dass der englische NHS weiterhin steuerfinanziert und damit kostenfrei für alle Bürger des Landes bleibt.

Nähere Informationen zu dem Thema finden Sie sehr gut zusammengestellt bei Wikipedia.

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