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Prof. Gerd Glaeske, Universität Bremen, SOCIUM Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik rezensiert: Der eigen-sinnige Mensch. Körper, Leib & Seele im Wandel. Edition Zeitblende, Aarau 2019, von Helmut Milz.

CoverEs ist ein erstaunliches Buch, das Helmut Milz, Facharzt für psychosomatische Medizin und Allgemeinmedizin, gerade unter dem Titel „Der eigen-Sinnige Mensch – Körper, Geist und Seele im Wandel“ publiziert hat. Es geht dabei um nicht weniger als die Beantwortung der Frage, wie sich Erleben und Verstehen des menschlichen Körpers während der letzten Jahrhunderte bis heute verändert haben, wie sich die sinnlichen Erfahrungen von Tasten, Berühren, Hören oder Schmecken, die unser Verhalten geprägt haben, mehr und mehr im Rahmen der neurobiologischen Forschung zu messbaren elektrischen Impulsen und oftmals zu Erklärungen jenseits aller Sinnlichkeit geführt haben – ein Mikrogramm mehr oder weniger von einer Transmittersubstanz wie Serotonin in unserem Gehirn will auf diese Weise eine Depression erklären und damit therapeutische Interventionen mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) erklären. Dabei wissen wir heute, dass bei depressiven Menschen noch nie ein Serotoninmangel nachgewiesen werden konnte, ein solcher Mangel darf in der Zwischenzeit als Märchen bezeichnet werden. So wichtig die Neurobiologie als wissenschaftliche Disziplin auch sein mag, so wichtig ist es gleichzeitig, die Sinne der Menschen nicht gering zu schätzen, sondern eine Verbindung zwischen gewachsenen Erfahrungen und aktuellen Erkenntnissen in der Medizin und ihrem Umgang mit Patientinnen und Patienten herzustellen – eben nicht nur das Gehirn als Mittelpunkt unseres Körpers zu betrachten, sondern ebenso das Herz, sowohl im organischen wie im sinnlichen Zusammenhang.

Die Kapitel, die Herr Milz in seinem 339-seitigen Buch aufgreift, haben mit unseren wichtigsten „eigenen Sinnen“ bzw. den Funktionsbereichen unseres Körpers zu tun. Es geht um das Berühren („Die Welt ertasten und empfinden), um das Schmecken, um das Riechen („Immer der Nase nach“), um das Hören und das Sehen. Die weiteren Kapitel handeln mit Herzen, vom Atmen, von unserem Nervengeflecht, vom Bauch und Baugefühl, von den Knochen („Dynamischer Halt und lebendiges Gewebe“), von der Muskelkraft und dem Muskelsinn („Bewegung und Gespür“) und schließlich vom inneren Fluss des Lebens („Was in uns fließt“). In jedem der etwa 20-30-seitigen Kapitel wird erläutert, was es mit den jeweiligen Sinnen auf sich hat, auch in einer kurzen historischen Betrachtung auf sich und wie sich diese ehemals z. T. archaischen Sinneserfahrungen hin zu unserer Zeit, auch im Blick der Wissenschaft, entwickelt haben: Im ersten Kapitel heißt dann z. B. eine Zwischenüberschrift: „Die Hand – empfangen, begreifen, handeln“, unterlegt mit dem Zitat des Physikers Isaac Newton, der meinte: „Mangels anderer Beweise würde mich der Daumen vom Dasein Gottes überzeugen“, weil der „Pinzettengriff“ (Daumen gegen die Kuppen anderer Finger) als ein besonderer Entwicklungssprung in der Menschwerdung gilt. Und es geht dann auch über ärztliche und therapeutische Berührungen hin zum Händedruck als Kommunikationsmittel – wie wissen alle, wie wir Menschen gerade durch den ersten Händedruck (lasch, fest, „Schraubstock“) auch mit unseren Sinnen einordnen.

Bei Schmecken geht es z.B. um die Metaphern des Geschmacks – süß auch als Beschreibung von Wohlgeschmack und Freude, auch Liebe und sogar Rache können mit dem Begriff „süß“ in Verbindung gebracht werden, bei „salzig“ wird der Zusammenhang in der Bergpredigt angesprochen („Ihr seid das Salz der Erde“), aber auch die zusätzliche Gratifikation römischer Legionäre, die zu ihrem Sold zusätzlich Salt als Lohn erhielten, daher der Begriff „Salär“ (lat. Salarium). Das Hören hat sich gerade auch in der Psychotherapie seinen wichtigen Platz erhalten, technische Apparaturen stehen nicht bereit, um die persönlichen Gespräche mit den Klienten zu objektivieren. Daher auch die Supervision, die ebenfalls mit Sprechen und Hören bei einer/m erfahrenen Kolleg*in zu tun haben.

In einem Kapitel „der Orte“ von Sinnen geht es um die medikamentösen Lösungsversuche zur Verbesserung des Nervenkostüms. Dabei werden Heroin, seinerzeit noch ein Hustenmittel der Firma Bayer, Morphin und Benzodiazepine wie Valium („Mother’s little Helper“) ebenso erwähnt Coca-Cola, das in seinen ersten Zeiten tatsächlich einen geringen Anteil von Kokain enthielt. Nachdem aber ein Coca-Cola bedingter Anstieg der Vergewaltigung von Frauen und vermehrte allgemeine Gewalt bekannt wurden, musste das Kokain aus den Getränken entfernt werden.

Gelungenes Manifest zur Bedeutung eines wohlverstandenen „Eigensinns“

Die Entwicklung im Umgang mit unseren Sinnen und Sinneserfahrungen wird von Helmut Milz durchaus mit kritischer Distanz begleitet. Einerseits wird es kaum verhinderbar sein, dass sich die Entwicklung einer computergestützten, immer tiefer in das menschliche Gehirn eindringenden Entschlüsselungswissenschaft aufhalten lässt. Anderseits lassen sich dadurch aber intuitiver Spürsinn, Bauchgefühl, Empfindungen des Herzens und vor allem Gemeinsinn der Menschen mit- und untereinander nicht verdrängen, weil sie sich einer objektiven Messbarkeit entziehen. Ein „gelingendes Leben“ ist auch im Spiegel dieser Sinnesempfindungen zu erklären und zu entwickeln, messbare elektrische Impulse werden sind in diesen Fällen weder „sinnstiftend“ noch erklärend. Dies sollte auch bei den digitalen Selbstoptimierungsprogrammen bedacht werden, da hinter all den anfallenden Daten Interessen zu vermuten sind, die entweder für Geschäftemacherei oder technische Kontrolle genutzt werden.

Das Buch von Helmut Milz ist ein ausgesprochen lesenswertes und gelungenes Manifest zur Bedeutung eines wohlverstandenen „Eigensinns“, der für uns Menschen auch eine unverwechselbare Individualität in unserem (Er-)Leben bedeutet. Die einzelnen Kapitel zeigen aber auch die Veränderbarkeit der menschlichen Sinne im Laufe der Zeit, die durch kulturelle, gesellschaftliche und wissenschaftliche Einflüsse zustande kommen. Pflegen wir also die Kommunikation und die Wahrnehmung von Körper und Sinnen, um Herz und Gehirn zu einer gemeinsamen Mitte unserer Persönlichkeit zu machen oder zu stärken. Das – übrigens auch noch optisch schön gestaltete – Buch von Helmut Milz hilft uns zu erkennen, warum dies ein lohnender Weg ist. Ich habe gerne in diesem Buch gelesen und möchte es allen ans Herz legen, die mit wachen Sinnen ihr Leben gestalten wollen.

Details zum Buch finden Sie auf der Webseite des Autors!