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OptiMedium November 2019

Aus Wissenschaft und Forschung

Martin Wehling: „Mit dem FORTA-Algorithmus optimieren wir die Arzneimittelversorgung“ – Interview

Der Pharmakologe Prof. Dr. med. Martin Wehling, Leiter des Instituts für Klinische Pharmakologie an der Universitätsmedizin Mannheim, engagiert sich seit vielen Jahren für die Verbesserung der Arzneimittelversorgung. Wir sprachen mit ihm über den neu entwickelten Algorithmus FORTA-EPI. Ebenfalls mit im Gespräch: Andree Rabenberg, Manager Business Intelligence & Data Warehouse Development bei der OptiMedis AG, der an der Entwicklung des Algorithmus beteiligt war und für die Auswertungen zuständig ist.

Herr Prof. Wehling, Sie haben gemeinsam mit OptiMedis einen Algorithmus entwickelt, der die Arzneimitteltherapie älterer Patienten analysiert. Worum geht es da genau?

WehlingProf. Dr. med. Martin Wehling, Leiter des Instituts für Klinische Pharmakologie an der Universitätsmedizin Mannheim. Foto: privatFür Ärzte ist es enorm schwierig, die richtige Balance zwischen Über- und Unterversorgung zu finden, erst recht, wenn Patienten multimorbide sind und zahlreiche Medikamente parallel einnehmen. Risiken wie schwere Neben- oder Wechselwirkungen müssen vermieden, gleichzeitig Chancen, wie zum Beispiel die Verhinderung von Schlaganfällen, genutzt werden. Mit dem datenbasierten Algorithmus FORTA-EPI können wir die Arzneimittelversorgung auf Basis der FORTA-Liste (Erläuterung s.u.) auf regionaler und auf Praxisebene in Bezug auf Unter- und Überversorgung auswerten. Wir können also zeigen, ob die empfohlene Medikation zu der dokumentierten Diagnose verordnet wurde, ob Medikamente verordnet wurden, ohne dass die entsprechende Diagnose vorlag, oder ob in derselben Indikation schlecht statt gut bewerteter Medikamente verordnet wurden. Das Ergebnis der Bewertung ist der so genannte FORTA-Score.

Für wen sind die Ergebnisse nutzbar?

Der Algorithmus ist für Kassenärztliche Vereinigungen, Krankenkassen und -versicherungen, Ärztenetze oder regionale Managementgesellschaften besonders interessant, auch wissenschaftliche Projektgruppen können davon profitieren. Angewandt auf die Daten einer Region bekommen sie eine Übersicht, in welchen Bereichen der Algorithmus das größte Verbesserungspotenzial ermittelt hat. Daneben ist es auch möglich, die Ergebnisse nach Gruppen von Indikationen oder nach Arztgruppen anzeigen zu lassen. Das sind wichtige Voraussetzungen, um die Versorgung mit Arzneimitteln in einer bestimmten Region zu optimieren und Arzneimittelinteraktionen und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden.

Herr Rabenberg, welche Daten nutzen Sie?

RabenbergAndree Rabenberg, Manager Business Intelligence & Data Warehouse Develop-ment bei OptiMedis. Foto: OptiMedisGrundlage können im Prinzip sämtliche Quellsysteme sein, die ausreichend Informationen zu Diagnosen und Medikation von Patienten enthalten. Dies sind zum einen Abrechnungsdaten der Krankenkassen und -versicherungen, ambulant-ärztliche Abrechnungsdaten aus den Praxisverwaltungssystemen oder von Kassenärztlichen Vereinigungen.

Wo wird der Algorithmus bisher angewendet?

Bisher haben wir den Algorithmus in Integrierten Versorgungssystemen getestet, an denen OptiMedis beteiligt ist. Auf Basis der Routinedaten konnten FORTA-Score-Werte für 13.557 Patienten ab 65 Jahren berechnet werden. In allen Testregionen zeigte sich, dass etwa ein Drittel zu viel und zwei Drittel zu wenig Arzneimittel verordnet wurden. Am häufigsten und damit etwa bei jedem zehnten Patienten ab 65 Jahren wurde in den IV-Regionen eine Unterversorgung mit passender Schmerzmittelverordnung ermittelt, sofern eine entsprechende Diagnose vorlag. Der häufigste Grund für eine Überversorgung war die Dokumentation von Protonenpumpen-Inhibitoren bei Patienten, die keine begründende Diagnose wie etwa eine gastrointestinale Erkrankung hatten

Herr Prof. Wehling, kann der Algorithmus die persönliche Bewertung wirklich ersetzen?

Eine persönlich und händisch durchgeführte, vollständige FORTA-Bewertung eines Patienten ist natürlich exakter als die datenbasierte. Es können weitere Parameter berücksichtigt werden, die in den Daten nicht abgebildet sind – z. B. das Schmerzempfinden eines Patienten oder welche Unverträglichkeiten bestehen. Sie nimmt dafür im Schnitt aber auch zehn bis fünfzehn Minuten Zeit in Anspruch, wenn entsprechend der FORTA-Prinzipien geschult wurde. Unser datenbasierter Algorithmus kann aber Entscheidungen unterstützen, da potenzielle Problembereiche schneller identifiziert und angezeigt werden. In den Testregionen finden bereits regelmäßig Arzneimittelkonsile basierend auf den FORTA-Empfehlungen statt, die zukünftig durch die datenbasierten Ergebnisse des Algorithmus unterstützt werden.

Zum Hintergrund: Die von Prof. Dr. med. Martin Wehling entwickelte FORTA-Klassifikation (Fit fOR The Aged) bewertet Wirkstoffe in Verbindung mit altersrelevanten Indikationen hierarchisch von A (positiv) bis D (negativ). Die Grundregel ist, dass mit A bewertete Substanzen zuerst gegeben werden sollen bzw. müssen (Pflichtmedikation), dann B-Substanzen additiv oder alternativ eingesetzt werden können, auf C-Substanzen nur zurückgegriffen werden soll, wenn alle besser bewerteten Alternativen ausgeschöpft wurden und D-Substanzen – bis auf wenige Ausnahmefälle – vermieden werden sollen. Hieraus wurde in Zusammenarbeit mit über 25 Experten die FORTA-Liste entwickelt, die in der neuesten Version (veröffentlicht 2019) 296 Bewertungen von Arzneimitteln/Arzneimittelgruppen zu 30 altersrelevanten Diagnosen enthält. Die Anwendung der FORTA-Liste war in einer randomisierten Endpunktstudie (VALFORTA) klinisch erfolgreich und ließ sich als Lerninstrument relativ einfach und effizient vermitteln.

Einen ausführlichen Artikel zum Algorithmus FORTA-EPI lesen Sie in der Ausgabe 5/2019 von Monitor Versorgungsforschung: FORTA: Ein Algorithmus zur Bewertung und Optimierung der Arzneimitteltherapie älterer Patienten