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OptiMedium Juni 2020

Neue Rolle für Apotheker in regionaler Integrierter Versorgung: „Das Potenzial ist groß“

Die klassische Arbeitsteilung zwischen Pharmazie und Medizin bricht immer mehr auf, interprofessionelle Kooperationen nehmen zu. Das Potenzial – vor allem in der Integrierten Versorgung – ist hoch. Welche Rolle Apotheker übernehmen könnten und wo bereits erste Schritte getan wurden, darüber haben wir mit OptiMedis-Vorstand Dr. h. c. Helmut Hildebrandt und dem hessischen Apotheker Stefan Göbel gesprochen.

Herr Hildebrandt, Sie wollen Apotheker künftig noch mehr in die Integrierte Versorgung einbeziehen. Welche Chancen sehen Sie?

HildebrandtDr. h. c. Helmut Hildebrandt, Apotheker und Gesundheitswissenschaftler, arbeitet seit vielen Jahren an der Weiterentwick-lung von Gesundheitssystemen und hat mehrfach regionale populationsorientierte Versorgungsmodelle aufgebaut. Foto: OptiMedisApotheker können eine wichtige Rolle übernehmen, nicht nur beim Medikamentenmanagement, sondern auch bei Gesundheitscoachings. Sie haben zum einen das nötige pharmazeutisch-gesundheitliche Knowhow, sie wissen um die Wechselwirkungen von Körper, Geist, Verhalten und Genetik in der Entwicklung von Krankheiten und Gesundheit und zum anderen kennen sie die Bedarfe ihrer Kunden gut. Außerdem ist der Zugang für die Patienten besonders niedrigschwellig.

Das Potenzial ist groß, sowohl für die Lebensqualität der Patienten als auch wirtschaftlich. So wird geschätzt, dass weltweit allein schon 3 bis 6 Prozent aller Krankenhauseinweisungen auf fehlerhaft eingesetzte Medikamente zurückzuführen sind. Würde man letztere Zahl auf die Europäische Union hochrechnen, gäbe es 1,25 Millionen ungeplante Einweisungen aufgrund von medikamentenbedingten Nebenwirkungen, von denen die Hälfte vermeidbar wäre. Und auch im Bereich der chronisch Kranken und der Prävention wäre durch eine gut abgestimmte verhaltensmedizinische Unterstützung viel zu erreichen.

International gibt es bereits diverse erfolgreiche Ansätze. Erfahrungen aus den USA und Schottland zeigen beispielsweise deutliche Verbesserungen des Gesundheitszustands in Projekten mit Einbezug von Apothekern.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

In den USA ist das seit 2019 laufende Community Pharmacy Enhanced Services Network (CPESN) zum Beispiel sehr erfolgreich: Ein integriertes Apothekennetzwerk mit über 2000 Apotheken. Sie bieten zum Beispiel Medikamentenüberprüfungen, Arzneimittelsynchronisation und Führung einer Medikationsakte an, unterstützen Opioid- oder HIV-Patienten, führen Impfungen durch und nehmen an Disease Management-Programmen teil. Die Effekte der Interventionen werden erfasst und darauf aufbauend ergebnisbezogene Vergütungen festgelegt.

Und in Schottland werden die Apotheker schon seit 2013 zusätzlich zu ihren klinischen Fähigkeiten geschult und als unabhängige Verschreiber ausgebildet, d. h. sie sind in der Lage, Arzneimittel für ihre Patientenpopulation zu verschreiben und zu ändern. Sie arbeiten zum Teil in Arztpraxen, sind aber auch in der Apotheke selbst die erste Anlaufstelle für chronisch kranke und multimorbide Patienten im Hinblick auf Polypharmazie. Derzeit wird diese spezielle Art von Pharmaceutical Care weiter ausgearbeitet, beginnend mit dem Management einfacher Harnwegsinfektionen, der Unterstützung von Selbstmanagementplänen für COPD und der Behandlung von Impetigo.

Herr Göbel, welche Möglichkeiten sehen Sie aus Ihrer praktischen Erfahrung heraus, Apotheker in die Integrierte Versorgung einzubeziehen und welche Vorteile könnten sich ergeben?

göbelStefan Göbel leitet die Brücken-Apotheke in Heringen, beschäftigt sich mit fachübergreifendem Medikations-manage-ment und ist als Dozent an der Universität Jena im Bereich der klini-schen Pharmazie tätig. Foto: privatEin großer Vorteil der öffentlichen Apotheke ist, dass viele Kunden ein sehr enges Vertrauensverhältnis zu uns haben. Das ist bei vielen Apothekern so, vor allem auf dem Land. Patienten erzählen uns Dinge, die sie mit ihrem Arzt selten besprechen würden, etwa, dass sie Medikamente nicht richtig einnehmen. Ein Beispiel: ASS 100 zur Prophylaxe von Schlaganfällen wird in der Regel mittags gegeben. Viele Patienten haben aber oft nur Medikamente, die sie morgens oder abends einnehmen und lassen die Mittags-Tablette dann häufiger einfach weg oder vergessen sie. In diesen Fällen sprechen wir ggf. mit dem Hausarzt und verlegen die Einnahme auf morgens. Das ist nur eine minimale Intervention, die aber viel bewirken kann. Oft ist den Patienten der Nutzen ihrer Medikation auch gar nicht klar. Wir als Apotheker können hier gut aufklären, Sicherheit geben und so die Adhärenz steigern. Neben dem medizinischen Aspekt für die Patienten liegt hier nämlich auch ein riesiges gesundheitsökonomisches Potenzial. Die Kosten der Non-Adhärenz für das deutsche Gesundheitssystem wurden von der ABDA und in gesundheitsökonomischen Publikationen auf rund 10 Milliarden Euro pro Jahr veranschlagt. Einige Schätzungen gehen sogar von 15 bis 20 Milliarden Euro aus.

Und ich sehe viele weitere Bereiche, in denen wir als Apotheker unseren niedrigschwelligen Zugang zu den Patienten nutzen können. Zum Beispiel, was die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln und frei verkäuflichen Medikamenten angeht. Viele Menschen nehmen mehrere Präparate ein, ohne zu wissen, dass sie die Wirkung ihrer verordneten Medikamente beeinflussen können. Und auch die psychosoziale Unterstützung halte ich für sehr wichtig. Oft merken wir, wenn es unseren Kunden schlecht geht. Dann ist allerdings die Frage, was wir ihnen raten, wohin wir sie schicken können. Hierfür braucht es ein regionales Netzwerk mit klaren Strukturen und niedrigschwelligen Angeboten.

Herr Hildebrandt, „Netzwerk“ ist das passende Stichwort. Wie läuft die Zusammenarbeit mit Apothekern in den regionalen Gesundheitsnetzwerken, an denen OptiMedis beteiligt ist?

In Gesundes Kinzigtal gab und gibt es mehrere innovative Ansätze, Apotheker mehr in die Integrierte Versorgung einzubeziehen, z. B. durch die kontinuierliche Teilnahme von Apothekervertretern der örtlichen Apotheken und des lokalen Schwerpunktkrankenhauses an einer Arzneimittelkommission und die Diskussion von Datenauswertungen zur Arzneimittelversorgung der betroffenen Bevölkerung. Hier haben sich aber auch die Herausforderungen gezeigt, um die klassischen Rollenbilder zwischen Ärzte- und Apothekerschaft aufzulösen.

Im 2019 gestarteten Gesunden Werra-Meißner-Kreis waren von Anfang an Apotheken als Partner dabei. Neben einem gemeinsamen Arzneimittelkonsil mit Ärzten und Apothekern sowie zielgerichteten Arzneimittel-Reviews durch ATHINA-qualifizierte Apotheker werden Pharmazeutisch-technische Assistenten und Apotheker zu Gesundheitslotsen ausgebildet. Sie beraten Patienten hinsichtlich Gesundheitsförderung, entwickeln mit ihnen Ziele und unterstützen sie in ihrem Selbstmanagement und ihrer Gesundheitskompetenz. Für die Zukunft ist eine verstärkte Qualifizierung im Bereich digitaler Anwendungen geplant. Hier sehe ich für die Zukunft noch viele weitere Möglichkeiten für Apotheken, sich zu „lokalen Health-Hubs“ zu entwickeln.

Gleichzeitig arbeiten wir daran, das polypharmazeutische Klassifikationsinstrument "FORTA = Fit for the Aged" mittels Algorithmen und künstlicher Intelligenz weiterzuentwickeln. Es soll Ärzte und Apotheker künftig dabei unterstützen, bei mehrfach erkrankten älteren Patienten die am besten geeignetsten Medikamente einzusetzen.

Wie werden die Apotheker vergütet?

Die Gesunder Werra-Meißner-Kreis GmbH sieht die zusätzlichen Arbeiten der Apotheker und Pharmazeutisch-technischen Assistenten als ein Investment in die Gesundheit der lokalen Bevölkerung. Da sie selbst auf Grundlage von Verträgen mit Krankenkassen von einer erfolgreichen Verbesserung des Gesundheitsstatus der Versicherten profitiert, vergütet sie den Apotheken beispielsweise die Beratung durch die Gesundheitslotsen, die Teilnahme an Schulungen etc. Zusätzlich werden die Apotheken später auch am Erfolg der GmbH beteiligt. Bezüglich der im engeren Sinne pharmazeutischen Beratung sind wir im Moment sehr gespannt auf die Ausführungsbestimmungen zu dem Apotheken-vor-Ort-Gesetz und den dort vorgesehenen Zusatzvergütungen. Wir würden uns dafür gern als ein Pilotmodell anbieten.

Herr Göbel, welche Pläne verfolgen Sie gemeinsam für die Werra-Kali-Region im Raum Nordhessen/Thüringen?

Unser Ziel ist es, in der Werra-Kali-Region ähnlich wie im Gesunden Werra-Meißner-Kreis ein integriertes Gesundheitsnetzwerk mit Akteuren aus dem medizinischen und sozialen Bereich aufzubauen, das auf unsere Region angepasste Maßnahmen anbietet und erfolgsorientiert vergütet wird. Und auch größere Unternehmen wollen wir einbeziehen, denn viele von ihnen haben ein Interesse daran, die Gesundheitsversorgung für eine Region, in der viele ihrer Mitarbeiter leben, nachhaltig zu verbessern. Im ersten Schritt haben wir den Verein „Gesundheit für die Werra-Kali-Region“ gegründet, eine Kick-off-Veranstaltung hat stattgefunden. Nun folgen Gespräche mit Krankenkassen und Unternehmen. Ich bin sicher, dass wir mit einem solchen Netzwerk sowohl die Lebensqualität und -erwartung der Menschen verbessern als auch gesamtgesellschaftlich Kosten einsparen können. Und aus einem Teil dieser Einsparungen können wir dann auch die Interventionen finanzieren. Ich selbst arbeite bereits mit vielen Ärzten der Region eng zusammen, nur machen wir vieles einfach on top. Die Maßnahmen, die ich weiter oben genannt habe, werden aktuell ja gar nicht vergütet. Und sie werden auch nicht evaluiert, was ich aber für sehr wichtig halte, um sich stetig weiter verbessern zu können. Hierfür wollen wir Lösungen finden.