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OptiMedium Juni 2020

Albrecht Kloepfer: „Mehr (Qualitäts-)Transparenz im Kassenwettbewerb“ – ein Kommentar

Welche Lehren sollten wir aus der Corona-Krise ziehen sollten, beschreibt Dr. Albrecht Kloepfer vom Institut für Gesundheitssystem-Entwicklung (iX) in einem Kommentar.

KlöpferDr. Albrecht Kloepfer vom Institut für Ge-sundheitssystem-Entwicklung. Foto: privat

Ob sich das chinesische Schriftzeichen für „Krise“ tatsächlich aus den Schriftzeichen für „Gefahr“ und „Chance“ zusammensetzt, mögen Sinologen oder andere Sprachkundige entscheiden. In jedem Fall aber gilt auf gut Italienisch: Si non è vero, è ben trovato. Denn natürlich bietet die Corona-Krise auch die Chance, nun auf erkennbare gesellschaftliche Fehlentwicklungen entschlossen und noch einigermaßen krisengeschüttelt zu reagieren. Der Autoverkehr in Großstädten beispielswiese ist so ein Problem, oder die Zustände in der Fleisch-Industrie, oder das Reiseverhalten von Urlaubstouristen.

Nichts aber wird sich ändern, wenn die Anreizsysteme so bleiben, wie sie sind. Dann ist zwar das aktuelle Erschrecken groß, doch nach spätestens zwei bis drei Jahren ist alles wieder so, wie es war. (Interessant übrigens, dass Fluggesellschaften genau damit rechnen, wenn sie betonen, dass sich der Flugverkehr erst in drei Jahren wieder „normalisieren“ werde. Na toll – oder anders gesagt: Normal war das nicht…) – Auch im Gesundheitswesen wird es jetzt Zeit, die lessons learned zu notieren, um sie spätestens, wenn wir wissen, dass eine zweite Corona-Welle uns hoffentlich verschonen wird, in konkrete Taten und Gesetze zur Überwindung der in der Krise erkannten System-Probleme münden zu lassen. Dazu nachfolgend ein paar Überlegungen:

Erstens: Planung und Sicherheit in der Daseinsvorsorge – der in den letzten Jahren immer wieder erhobene Hinweis, Deutschland habe zu viele Krankenhäuser, mag nicht falsch sein, diese gefühlte oder tatsächliche Überversorgung dürfte aber einer der entscheidende Gründe dafür sein, dass Deutschland glimpflich aus der Krise hervorgegangen ist. Alles gut also: Keineswegs. Denn was wir nicht haben, ist ein Plan darüber, wie eine flächendeckende stationäre Versorgung aussehen könnte, die auch Sicherheitsreserven für Krisenfälle bereitstellt. Purer Zufall also, dass es geklappt hat, und vermutlich auch dem gut funktionierenden ambulanten Versorgungsnetz geschuldet. Das inzwischen fast zwanzig Jahre alte Gutachten des Sachverständigenrats zu „Unter-, Über- und Fehlversorgung“ wird dadurch jedoch vermutlich nicht falscher, aber die Antwort auf diese Strukturen kann nicht nur Wettbewerb sein. Der andere Teil ist Planung, in die eben auch der Notfall integriert werden muss.

Zweitens: Die Situation der Langzeitpflege – klar, „irgendwie“ wird´s schon gehen, aber strukturell ist die stationäre und ambulante Langzeitpflege trotz diverser Pflegestärkungsgesetze der letzten Jahre am Boden. Das liegt vor allem am chronischen Misstrauen, mit der die intrinsisch in der Regel hoch motivierten Pflegekräfte überzogen werden, es liegt aber auch an der mangelnden Wertschätzung, der dürftigen Bezahlung und einer kompletten Missachtung der medizinischen Kompetenz der Pflegekräfte. Daran wird auch eine „Anerkennungsprämie“ in egal welcher Höhe nichts ändern. Pflege – ob Kurz- oder Langzeit – muss zukünftig fachlich und finanziell grundlegend aufgewertet werden, wenn sie eine tragende Säule unseres Gesundheitssystems bleiben (oder werden) soll. Dazu müssen finanzielle, fachliche und digitale Lücken zur medizinischen Versorgung geschlossen werden. Pflege als gleichwertiger Partner in der Versorgung – der sie da facto ist – hat sonst keine Chance.

Drittens: Die Bereitstellung und Finanzierung des medizinischen Bedarfs – ob Arzneimittel, Tests, Masken oder Schutzkleidung, die Bereitstellung einer flächendeckenden Reserve ist nicht über die bisherigen rein monetären Wettbewerbsstrukturen zu gewährleisten. Damit wird man sich abfinden müssen (wir machen‘s ja bei der Feuerwehr auch nicht so). Und dann wird man intensiv mit dem Finanzminister sprechen müssen, dass die Vorhaltung eines großen Teiles dieser Sicherheitsreserven nicht Aufgabe der gesetzlichen Krankenversicherung sein kann (die ja ihrerseits weitgehend wettbewerblich organisiert ist). Also, da werden wir uns einerseits um steuerfinanzierte Modelle kümmern müssen (bei präventiven Tests beispielsweise), andererseits könnte ein intelligenterer Wettbewerb auch Herstellungs- und Liefersicherheit – beispielsweise bei Arzneimitteln – mit integrieren. 

In jedem Fall sollen wir die Hände nicht in den Schoß legen, sondern die Krise als Chance begreifen, einige Stellschrauben unseres Systems jetzt neu zu justieren!

Mit freundlicher Genehmigung aus den „iX-Highlights“ – weitere Informationen unter www.ix-media.de