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OptiMedium September 2020

Aus Politik und Verbänden

Minister Manne Lucha zum neuen IV-Konzept: „Ich bin sicher, dass viele Landkreise diesen Weg gehen würden“

OptiMedis sprach mit Manne Lucha, Minister für Soziales und Integration in Baden-Württemberg, über seine Vorstellung einer künftigen, vernetzten Gesundheitsversorgung, die größten Herausforderungen und das von einer Gruppe renommierter Experten gerade veröffentlichte Konzept für „Innovative Gesundheitsregionen“.

Manne LuchaManne Lucha ist Minister für Soziales und Integration in Baden-Württemberg. Foto: Ministerium für Soziales und Integration Baden-WürttembergHerr Minister, Baden-Württemberg hat nach Berlin und Hamburg die jüngste Bevölkerung aller Bundesländer, wie das Demografieportal des Bundes gezeigt hat. Spielen das Thema Altern und gesundheitliche Versorgung bei Ihnen im Südwesten trotzdem eine Rolle?

Ja, selbstverständlich. Denn bei uns wie andernorts gehen Ärzte in Pension, gleichzeitig leben gerade ältere Menschen vorwiegend auf dem Land und sind nicht besonders mobil. In einigen ländlichen Regionen können wir definitiv Versorgungsengpässe bekommen. Dem Ortenaukreis haben wir deshalb beispielsweise für Strukturgespräche zur zukünftigen Gesundheitsversorgung knappe 150.000 € zur Verfügung gestellt.

Außerdem hat Baden-Württemberg mit dem Gesetz zur Stärkung der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit und der Vernetzung aller Beteiligten im Gesundheitswesen seit 2016 einen weiteren verbindlichen Rahmen zur Gestaltung der Gesundheitsversorgung geschaffen. Zentrale Plattform für den Austausch ist die Landesgesundheitskonferenz, themenspezifisch erfolgt die Zusammenarbeit in diversen Gremien und Landesausschüssen. Auf regionaler Ebene wurden die Kommunalen Gesundheitskonferenzen in den Stadt- und Landkreisen gestärkt.

Wo sehen Sie die größten Probleme im Gesundheitswesen?

Wir spielen in Deutschland im Gesundheitswesen weit unter den Möglichkeiten, die wir eigentlich hätten. Wir wissen zwar viel darüber, wie Krankheiten vermieden und Gesundheit gefördert werden können. Aber wir setzen es kaum um. Ich bin davon überzeugt, dass viele Behandlungs- und Krankenhausfälle gar nicht nötig wären. Gleichzeitig sind Ärzte in Kliniken und Praxen zu oft mit administrativen Dingen beschäftigt und müssten eigentlich entlastet werden. Deshalb brauchen wir interprofessionelle Teams für eine umfassende Versorgung der Patientinnen und Patienten, die auch digital untereinander vernetzt sind. Nur so schaffen wir es, die gesundheitliche Versorgung insgesamt zu verbessern und gleichzeitig dem stetigen Kostendruck im Gesundheitswesen durch eine möglichst bedarfsgerechte und effektive Versorgung zu begegnen.

Wie kann das konkret aussehen?

Case-Mangerinnen und -Manager könnten beispielsweise einen großen Teil der Versorgung von chronisch Kranken, sofern sie stabil sind, übernehmen. Wichtig ist mir dabei der Ausbau der Substitution, also der eigenverantwortlichen Tätigkeit von gut ausgebildeten Pflegefachpersonen mit Zusatzqualifikationen. Es darf nicht immer nur um Delegation, also Handeln im Auftrag gehen.

Im Bereich der psychosozialen Gesundheit zum Beispiel haben wir schon jetzt viel mehr Vernetzung und Kooperation als in der somatischen Medizin. Ich wünsche mir mehr Offenheit, weniger Beharren auf Grundsatzpositionen und mehr Bereitschaft, sich aufgrund neuer Herausforderungen auch neue Lösungen zu suchen – und dabei natürlich auch die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen.

Wie treiben Sie diesen Weg voran?

Innerhalb Baden-Württembergs ist es unsere Aufgabe, die richtigen Strukturen und Versorgungsmodelle in die Fläche zu bringen, damit allen Menschen eine gute Versorgung erhalten bleibt. Dies äußert sich hauptsächlich im Ziel des Ausbaus der Primärversorgung, gerade auf dem Land und gerade dort, wo Kliniken schließen und eine gut ausgebaute Grundversorgung an ihre Stelle treten muss. Wir haben eine Koordinierungsstelle Sektorenübergreifende Versorgung in unserem Ministerium geschaffen, um die medizinische und pflegerische Kompetenz im Haus zusammenzuführen und Gesundheitsdialoge und -konferenzen zu fördern.

Eines der großen Themen ist natürlich die Digitalisierung. Sie ist für das Gesundheitswesen der Motor neuer Entwicklungen. Integrierte Versorgungsformen werden vermehrt durch den Einsatz digitaler Werkzeuge entwickelt werden, die uns dabei helfen, die Kommunikation innerhalb dieser Strukturen zu optimieren oder Prozesse der Versorgung besser zu steuern, sodass sie bedarfsgerecht, ziel- und zeitgenau ablaufen können. So wie bei Ihnen im Ortenaukreis. Wir freuen uns natürlich, wenn solche langfristigen und nachhaltigen Projekte wie „Gesundes Kinzigtal“ auch in andere Regionen übertragen werden.

Genauso sind wir der Robert Bosch Stiftung sehr dankbar, weil sie neue Ansätze einer berufsgruppenübergreifenden Zusammenarbeit fördert. Ähnliches machen wir jetzt auch in der Geburtshilfe, dazu konnten wir ja auch auf die Ausarbeitung von OptiMedis für uns zurückgreifen.

Könnte die Corona-Pandemie die Entwicklung beschleunigen?

In der Krise wird deutlich, dass wir uns den Zukunftsaufgaben stellen müssen. Zum Beispiel müssen die Patientinnen und Patienten unbedingt Zugriff auf die Gesundheitsinformationen haben, die über sie angelegt sind. Bundesgesundheitsminister Spahn hat einen guten Job gemacht, wenn es um den Druck bei der Digitalisierung geht, aber man kann ein gutes Gesundheitssystem nicht von Berlin aus planen.

Außerdem müssen wir weiter daran arbeiten, den Öffentlichen Gesundheitsdienst zu stärken. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort haben einen fantastischen Job bei der Bewältigung der Pandemie gemacht und sind darüber hinaus ein wichtiger Pfeiler in unserem Gesundheitssystem. Der Fokus der Gesundheitsbehörden liegt prinzipiell in der planerischen, konzeptionellen und beratenden Tätigkeit und bei bevölkerungsmedizinischen Fragestellungen. In den vergangenen Jahren haben sich die Aufgabenschwerpunkte des ÖGD aber etwas verlagert. Die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren des Gesundheitswesens wird zunehmend wichtiger. Medizinische und pflegerische Versorgungsfragen sowie das Thema Gesundheitsförderung und Prävention sind von zentraler Bedeutung. Die Gesundheitsämter auf der unteren Verwaltungsebene, die eine zentrale Rolle im ÖGD einnehmen, stehen in einem wichtigen Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern.

Ihre eigene Partei hat gerade einen Antrag zu Gesundheitsregionen vorgelegt. Gleichzeitig hat eine Gruppe von Wissenschaftlern und Versorgungspraktikern, ausgehend von OptiMedis, ein Konzept für Innovative Gesundheitsregionen veröffentlicht, durch die die Integrierte Versorgung nach und nach zur Regelversorgung werden soll. Was sagen Sie dazu?

Es ist ein sehr guter Aufschlag. Bravo! Wir haben längst das Denken in Alternativen verlernt. Wir wollen keine deutsche Diskussion um Bedenken, wir wollen Optionen der Machbarkeit diskutieren. Die Grundfragen sind: Wie bekommen Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen und andere wieder mehr Lust an der Arbeit? Wie können neue Technologien ihnen die Arbeit einfacher machen? Wie entstehen Kooperationen auf Augenhöhe, zwischen den Berufsgruppen und zu anderen Bereichen, wie beispielweise zu den sozialen Diensten? Und wie schaffen wir es, dass nicht nur über Patientenbeteiligung geredet wird, sondern deren Kompetenzen auch wirklich gestärkt werden und sie selbst informierte Entscheidungen treffen können. Dafür brauchen wir regionale Einheiten, die koordinative und initiierende Aufgaben auch konsequent in die Hand nehmen.

Wo sehen Sie die Stärken des Konzepts?

Wichtig ist die demokratische Legitimierung, die dadurch erreicht wird, dass die gewählten kommunalen Entscheidungsgremien mehr Informationen und mehr Rechte bekommen. Aber auch, dass die Krankenkassen wieder mehr auf der regionalen Ebene in die Verantwortung genommen werden, halte ich für entscheidend. Sie sind in der letzten Zeit zu sehr in den Wettbewerb gegeneinander um den Beitragssatz gezogen worden. Wir brauchen aber viel mehr den Wettbewerb um Qualität, also darum, dass sie ihre Versicherten möglichst gesund erhalten.

Ein elementarer Punkt ist natürlich auch die Freiwilligkeit, die das Konzept vorgibt. Niemand soll gezwungen werden, weder die Patientinnen und Patienten noch die Fachleute des Gesundheitswesens. Und trotzdem, oder vielleicht sogar deshalb bin ich sicher, dass wir viele Landkreise finden werden, die diesen Weg gehen würden.

Und zum Schluss wäre es mir wichtig, dass wir ein produktives Nebeneinander von kommunalen, freigemeinnützigen und privatwirtschaftlichen Versorgungsformen für die Zukunft sichern können.

Herr Minister, wir danken Ihnen für das Gespräch!