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OptiMedium September 2020

Albrecht Kloepfer: „Neue Versorgung braucht einen neuen Rechtsrahmen“ – ein Kommentar

Endlich ein „Neuer Wurf“ in Sachen Gesundheitspolitik oder nur Detailänderungen des Status Quo? Dr. Albrecht Kloepfer vom Institut für Gesundheitssystem-Entwicklung (iX) blickt in seinem Kommentar schon mal in Richtung Wahlkampf.

KlöpferDr. Albrecht Kloepfer vom Institut für Gesundheitssystem-Entwicklung. Foto: privat

Mit Ende der Parlamentarischen Sommerpause beginnen die Fraktionen sich für den Wahlkampf zu positionieren. Spannend wird dabei sein, ob ein grundsätzlich neuer Wurf gewagt wird, oder ob sich die gesundheitspolitischen Programme mit einer Detail-Überarbeitung des Status quo begnügen. Denn für „grundsätzlich neu“ gibt es schon seit längerem vor allem ein schlagendes Argument: Der Kern unseres SGB V fußt auf der Reichsversicherungsordnung (RVO) von 1911 und stammt damit aus einer Zeit, in der die Versorgungsherausforderungen komplett andere waren als heute. Denn erst seit Erfindung des Insulins als Arzneimittel in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts – also mehr als zehn Jahre nach der Verabschiedung der RVO – wurde mit dem Diabetes erstmals eine Volkskrankheit zu einer chronischen Erkrankung. Vorher waren Patienten, so hart wie´s klingt, nach zwei bis maximal drei Monaten in der Regel entweder gesund oder tot. Heinrich Heine in seiner „Matratzengruft“ war als „Chroniker“ die absolute Ausnahme.

Heute hat sich die Chronifizierung von Erkrankungen dank des medizinischen Fortschritts auf eine Vielzahl von Indikationen ausgedehnt: Die Diagnose von HIV oder Krebs ist inzwischen kein unausweichliches Todesurteil mehr, sondern kann in einen Zustand einer chronischen Behandlungsnotwendigkeit überführt werden. Damit muss nicht nur der Patient als Spezialist seine Erkrankung und als Koproduzent seiner Gesundheit neu in den Fokus gerückt werden, auch das Handeln der Ärzte (und der übrigen Heilberufe) muss sich neu definieren: Nicht mehr der heroische Einzelkämpfer ist gefragt, sondern der Teamplayer, der den Patienten auf seiner „Reise“ begleitet, führt und die Zusammenarbeit aller am Behandlungsprozess Beteiligten koordiniert. Dieses neue Versorgungsparadigma findet sich in unserem aktuellen SGB V allenfalls als Flickwerk abgebildet. Es war Ulla Schmidt, die mit Disease Management Programmen und Hausarztverträgen versuchte, ans alte SGB V Versorgungsformen anzukleben, die den neuen Herausforderungen Rechnung tragen. Aber ein grundsätzlich neuer Versorgungszugang wurde damit nicht gewagt. Doch allmählich ist die Zeit reif, sich unserem Gesundheitssystem in diesem Sinne neu zu nähern. Dann müsste Schluss sein mit allen Flick- und Reparaturversuchen und es müsste die Herausforderung der Chronikerversorgung einen eigenen und sehr breiten Regelungsrahmen einnehmen.

Ob dies auch regional gedacht und umgesetzt werden kann (oder sogar muss!), wird sich zeigen. Ein Autorenteam um Helmut Hildebrandt hat sich hier mit dem Konzept „Integrierte Versorgung als nachhaltige Regelversorgung auf regionaler Ebene“ markant zu Wort gemeldet (eine Idee die sich im Kern auch die Grünen zu eigen gemacht haben). Doch auch andere Formen oder Misch-Formen sind denkbar – beispielswiese die Etablierung eines breiten „Chroniker-Teils“ im SGB V.

Die Konzepte jedenfalls fangen an die Diskussionsräume zu füllen. Kein Wunder: Es ist Zeit, jetzt die Pflöcke für die Agenda der nächsten Legislaturperiode einzuschlagen!

Der Text ist eine Aktualisierung des Editorials der iX-Highlights der 36. KW 2020 (www.ix-media.de).