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Dr. Frank Renken arbeitet seit über 20 Jahren im öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) und leitet das Gesundheitsamt in Dortmund. Dabei konnte er in den letzten Jahrzehnten viele Höhen und Tiefen in der Gesundheitspolitik beobachten, saß in zahlreichen Gremien und schöpft nach langer Zeit wieder Hoffnung für den ÖGD: „Durch die Pandemie haben wir die Chance Gesundheitsplanung und Versorgungsstrukturen nachhaltig umzugestalten.“. Im Interview mit Jonah Grütters, Dualer Student im Bereich Research & Innovation bei OptiMedis, skizziert er Problemfelder und notwendige Veränderungen für eine bessere Versorgung. 

Renken FrankDr. Frank Renken im Gespräch mit OptiMedis über die Zukunft des ÖGD. Foto: privatHerr Dr. Renken, wie sieht die Zukunft des ÖGD aus?

Auch wenn die Gesundheitsämter im Rahmen der aktuellen Pandemie durch den Gesundheits- und Infektionsschutz mehr als je zuvor im Fokus sind, ist eine Beschränkung auf diese Funktion zu kurz gedacht. Wir können nicht auf weitere Pandemien warten, damit die Gesundheitsämter ihre Daseinsberechtigung im Gesundheitswesen behalten. Es gilt, den ÖGD stärker in die Versorgung vor allem im Bereich Gesundheitsplanung und Berichterstattung einzubeziehen!

Wie könnte konkret eine Integration des Gesundheitsamtes in Gesundheitsplanung aussehen?

Der ÖGD kann als Expertengremium für defizitäre Versorgung und Prävention betrachtet werden. Grundsätzlich weiß jede Kommune selbst am besten, wo die eigenen Probleme im Bereich Gesundheit liegen. Oft können diese Defizite jedoch nicht angegangen werden, weil personelle oder finanzielle Mittel fehlen. Eine Integration in eine größere Instanz wie eine Gesundheitsregion, bestehend aus mehreren Ämtern und Partnern aus dem Bereich der Gesundheitsakteure, kann aber genau solchen Problemen entgegenwirken. Durch eine praktische Kooperation mit den Leistungserbringern, quer durch das gesundheitliche Spektrum, entsteht für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation.Ich bin der Meinung, dass in der Zukunft keine Region allein fähig sein wird gesundheitliche Probleme (egal ob eine Pandemie oder effektive Präventionsarbeit) zu lösen. Im Team ist man immer stärker! Gerade der Föderalismus verhindert oft die Effektivität von guter Gesundheitsversorgung. Aufgrund der Partizipation des ÖGD im Gesundheitswesen (z. B. in der gesundheitlichen Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherungen) sind Gesundheitsämter ganz nah dran an der Versorgung und wissen auch um die eigenen kommunalen Schwachstellen. Im Rahmen von Gesundheitsplanung können diese Schwachstellen dann skizziert und gemeinsam eliminiert werden.

Warum konnte dies in den letzten Jahren nicht umgesetzt werden?

Die Probleme bei notwendigen Veränderungen im ÖGD variieren. Festhalten kann man jedoch, dass Vorschläge zum Umbau von Strukturen zunächst durch eine Vielzahl von Gremium müssen und zudem auch von „fachfremden“ Politiker:innen entschieden werden. Teils werden die Kommunen dann gar nicht in die letztendliche Entscheidung eingebunden, da sie nicht den entsprechenden Gremien sitzen. Krankenkassen haben es bei Modell- und Präventionsprojekten teilweise etwas einfacher, da sie schneller Gelder umsetzen können und die Versicherten eine gute Grundlage bilden. Meiner Meinung nach muss die kommunale Seite aktiver mitentscheiden und durch aktive Förderung des Landes Anreize erhalten, aktiver im Bereich Gesundheitsförderung aufzutreten. Nur wenn entsprechende Anreize da sind, führt das zu einem Umdenken, sowohl auf politischer Ebene als auch in den Gesundheitsämtern selbst.

Wie bewerten sie den „ÖGD-Pakt“ bei dem 4 Milliarden Euro zur Förderung des öffentlichen Gesundheitsdienstes bereitgestellt wurden?

Grundsätzlich ist es erstmal gut, die Möglichkeit zu bekommen, finanzielle Mittel anzufragen. Spätestens die Covid-19 Pandemie hat uns gezeigt, in welch desolatem Zustand einige Gesundheitsämter sind. Um diese nun sinnvoll und nachhaltig umzubauen, sind diese Gelder dringend notwendig. Problematisch sehe ich jedoch nach wie vor die eben angesprochene schwierige Förderungslage. Wenn sich hier nichts ändert, befürchte ich, dass 70 bis 80 Prozent der Gelder des Fonds nicht abgerufen werden. Nicht weil sie nicht gebraucht würden, ganz im Gegenteil. Es mangelt vielmehr an einer sinnvollen Gesundheitsplanung und klaren Strukturen.

Grütters JonahJonah Grütters, Dualer Student Research & Innovation bei OptiMedis. Foto: OptiMedisGesundheitsplanung ist auch im Bereich der Integrierten Versorgung ein wesentlicher Bestandteil. Wie könnte ein Gesundheitsamt ihrer Meinung nach in solch ein Versorgungsmodell integriert werden?

Wie schon gesagt sehe ich die Stärken des ÖGD vor allem im Bereich der Analyse der kommunalen Gesundheitsprobleme und ihrer Lösung. Viele Gesundheitsämter leisten im Rahmen der Akutversorgung von beispielsweise Wohnungslosen einen entscheidenden Beitrag zur Versorgung. Der Vorteil ist gegenüber anderen Akteuren ist, dass sie kein monetäres Interesse haben, sondern vor allem an einer Verbesserung der Gesundheitslage in der eigenen Kommune interessiert sind. Dies könnte in einer Region mit Integrierter Versorgung optimal eingesetzt werden.

Eine weitere Stärke sehe ich darin, dass durch die erhobenen Daten der Versicherten in einer Region mit Integrierter Versorgung Gesundheitsberichtserstattung und daraus abgeleitete Präventionskonzepte deutlich regelmäßiger erfolgen könnte. Dadurch können nicht nur Versorgungspläne für eine gesamte Region erstellt werden, sondern langfristig auch Systemanalysen mit Lösungsstrategien entwickelt werden. Hier wirkt ein Gesundheitsamt dann nicht nur als externes Gremium in so einer Region mit, sondern ist mittendrin!

Abschließend: Was ist ihnen in der Covid-19 Pandemie besonders drastisch im ÖGD aufgefallen, von dem sie vorher vielleicht gar nicht wussten, dass es so dringend benötigt wird?

Mir ist die hohe Relevanz eines Zuganges des Gesundheitsamtes zu einem Labor bewusst geworden. Oft mussten in der Vergangenheit Untersuchungen an privatwirtschaftliche Labore weitergeleitet werden, was aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel der Ämter den Handlungsspielraum arg eingeschränkt hat. Ich fände es sinnvoll, wenn der ÖGD Zugang zu öffentlichen Laboren bzw. zu Labormediziner:innen an Universitätskliniken bekäme, um langfristig auch die Pandemiebekämpfung zu verbessern. Durch die Pandemie sind viele Lücken im Gesundheitssystem aber auch bei den Gesundheitsämtern deutlich geworden. Jetzt gilt es diese Probleme zu analysieren und zu eliminieren.