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Dr. Gottfried Roller: „Wir brauchen ein Versorgungsmodell, das regional angepasst wird“

Gottfried RollerDr. Gottfried Roller. Foto: M. Fuchs, RemseckDr. Gottfried Roller ist seit 2002 im öffentlichen Gesundheitsdienst aktiv und leitet seit Februar 2021 das Landesgesundheitsamt in Baden-Württemberg. Seine Rückkehr auf die Landesebene – er hatte zwischen 2004 und 2006 bereits mehrere Jahre im Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg gearbeitet – betrachtet der Tübinger Arzt voller Motivation: „Nach 12 Jahren in einem wunderschönen Landkreis Reutlingen unter Leitung eines herausragenden Landrats Thomas Reumann und tollen Gestaltungsmöglichkeiten u.a. auch bei der Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen gibt es jetzt neue und andere Baustellen zu bewältigen. Durch personelle Aufstockung im Rahmen des Pakts für den ÖGD haben wir die Möglichkeit nachhaltig den Öffentlichen Gesundheitsdienst zukunftsorientiert aufzustellen und damit auch Prävention und Gesundheitsförderung strukturell zu verankern und an der Weiterentwicklung des Gesundheitswesens mitzuwirken.“ Im Interview mit Jonah Grütters, Dualer Student im Bereich Research & Innovation bei OptiMedis, konkretisiert er seine Pläne und stellt klar, was in der Zukunft passieren muss.

Herr Dr. Roller, erstmal etwas Grundlegendes vorab: welche Funktion hat ein Gesundheitsamt im Bereich der medizinischen Versorgung?

Bei uns in Baden-Württemberg übernehmen die Gesundheitsämter die Aufgabe der Gesundheitsplanung. Auch die Geschäftsstellen der Kommunalen Gesundheitskonferenzen sind in fast allen Stadt- und Landkreisen bei den Gesundheitsämtern verortet. In einigen Kommunalen Gesundheitskonferenzen werden auch Versorgungsthemen behandelt. Dabei wird Gesundheitsversorgung in einem Stadt- oder Landkreis qualitativ und quantitativ analysiert und bei der darauffolgenden Interpretation wird Rücksicht auf die lokalen Gegebenheiten und die subjektiven Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger genommen. Am Ende ist aber immer die Bedarfsorientierung und nicht die subjektiven Bedürfnisse entscheidend. Darüber hinaus sollte jedes Gesundheitsamt an der Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung mitwirken. Denn Gesundheit ist Daseinsvorsorge und damit auch ein wichtiger Standortfaktor.

Wichtig ist: Die Gesundheitsämter sind Akteure, die keine Individualinteressen haben. Das populationsbezogene Denken steht daher immer im Vordergrund. Dies kommt auch bei den kommunalen Gesundheitskonferenzen zu tragen, die nach einer gesetzlichen Vorgabe in Baden-Württemberg in jedem Stadt- und Landkreis etabliert wurden. Hier sitzt nicht nur die „klassische“ Medizin, sondern auch viele andere Akteure mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst an einem Tisch und diskutiert u.a. auch über die Gesundheitsversorgung vor Ort.

Wie könnten die Gesundheitsämter eine integrierte, regionale Versorgung, z. B. nach dem Modell Gesundes Kinzigtal oder Gesunder Werra-Meißner-Kreis, unterstützen?

Durch das regionale Knowledge ist das Gesundheitsamt vor Ort ein wichtiger Partner – auch für integrierte Versorgung. Dabei profitiert eine Region vor allem dadurch, dass der öffentliche Gesundheitsdienst ein Akteur ist, der sich mit den politischen Rahmenbedingungen durch den Bund auskennt und dies auch bei der Umsetzung vor Ort berücksichtigen kann. Gesundheit wird zwar meist auf Bundes- und Landesebene entschieden, die Versorgung findet aber vor Ort statt. Disparitäten in der Gesundheitsversorgung vor Ort werden schließlich auch immer zunächst an die Verantwortlichen in Stadt- und Landkreis herangetragen. Wenn der Kittel bei der hausärztlichen Versorgung brennt, sind Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Landrätinnen und Landräte und der Öffentliche Gesundheitsdienst gefragt. Der Bürgerin oder dem Bürger ist es egal, wer welche Zuständigkeiten hat. Entscheidend ist: Die Gesundheitsversorgung muss bürgernah weiterentwickelt werden.

Während meiner Arbeit in Reutlingen konnte ich feststellen, dass es keinen Akteur gab, der einen kompletten Überblick über die Gesundheitsversorgung in der Region (inkl. deren Probleme) hatte. Hier hat das Gesundheitsamt durch die Interaktion mit vielen verschiedenen Playern einen Vorteil und kann aus einer Art Helikopterperspektive heraus sich diesen Überblick verschaffen Dadurch ist es für den ÖGD auch am einfachsten darzustellen, wie die Versorgungssituation aussieht. Auf dieser Basis lässt sich die Gesundheitsversorgung mit allen relevanten Partnern zukunftsorientiert ausrichten. Dafür muss sich der ÖGD aber weiterentwickeln und kreativ werden!

Welches Interesse hat der ÖGD an Integrierter Versorgung?

Unsere gemeinsame Schnittstelle ist die verbesserte gesundheitliche Versorgung, die man ganzheitlich betrachten muss. Denn zur gesundheitlichen Versorgung gehören für mich neben der klassischen Versorgung ebenso Prävention und Gesundheitsförderung, Pflege, Rehabilitation u.v.m. Regionen mit Integrierter Versorgung haben das verstanden und bieten somit versorgungstechnisch eine Verbesserung gegenüber den bestehenden Systemen an. In einer solchen Umgebung ist es für den ÖGD natürlich viel leichter, präventive Konzepte „nebenbei“ strukturell zu etablieren. Und gerade die aktuelle COVID-19-Pandemie zeigt, wie wichtig eine sektorenübergreifende und vernetzte Versorgung ist.

Was spricht für die regionalisierte Versorgung?

Ein populationsorientierter Ansatz ist hier entscheidend. Durch diesen erreiche ich nicht nur einige Versicherte, sondern kann die Gesundheitslage der ganzen regionalen Bevölkerung verbessern. Hier können dann präventive und ökonomische Konzepte durch ein vereinfachtes Management deutlich schneller als bisher etabliert werden. Darüber hinaus können so auch Menschen, die durch das soziale Netz fallen, noch besser aufgefangen werden. Nicht zuletzt ermöglicht eine regionale Versorgung eine bessere Partizipation der Kommunen und der Bürgerinnen und Bürger, nach dem Motto „Wo steht ihr und wo soll es hingehen?“. Hier könnte ich mir vorstellen, dass das wiederum zu einer höheren Identifikation mit neu geschaffenen Strukturen führt. Wichtig ist jedoch, dass Partizipation tatsächlich stattfindet. Und das Wichtigste ist, dass es kein Einheitsmodell gibt, sondern angepasste Modelle für jede Region.

Und wer sorgt für eine Weiterentwicklung des öffentlichen Gesundheitsdienstes?

Zum einen braucht es klare und nachhaltige Impulse aus der Politik. Auch wenn durch die Pandemie die Gesundheitsämter in den Fokus der medialen Berichterstattung gelangt sind, darf der Gesundheitsschutz nicht ihre alleinige Daseinsberechtigung sein. Hier wünsche ich mir klare, weitreichende Rahmenbedingungen, um vor Ort Veränderungen bewirken zu können. Der Öffentliche Gesundheitsdienst muss meiner Meinung nach eine stärkere Rolle bei der Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen spielen. Gesundheit ist Daseinsvorsorge und darf ebenso wenig wie Bildung rein ökonomisch betrachtet werden. Zur Stärkung der Primärversorgung braucht es einen vernetzenden Partner und da bietet sich der ÖGD idealerweise an. Dies bedeutet aber auch mehr Machtbefugnisse, um in der Zukunft Dinge noch stärker verändern zu können.

Wer Versorgung verbessern will, braucht Daten. Dies stellt die die Gesundheitsämter aber vor Probleme, wie Dr. Frank Renken in einem Interview mit OptiMedis berichtete. Wie kommen Sie an die notwendigen Daten?

Wir müssen den Datenschutz neu denken und im Vordergrund muss auch stehen, wie wir Datenpotenziale nutzen können. Es muss eine engere Kooperation beim Datenaustausch zwischen ÖGD und anderen Akteuren wie KV, Sozialversicherungsträger etc. geben. Als wir im Landkreis Reutlingen die hausärztliche Versorgung bereits im Jahr 2010 analysieren wollen, hat uns der Datenschutz einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Daten erhielten wir von der KV aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht, weil anhand der kleinräumigen Datenauswertung Rückschlüsse auf einzelne Ärzte und Gemeinden möglich waren. Daraufhin haben wir alle Hausärztinnen und Hausärzte im Rahmen eines Telefoninterviews befragt (u.a. nach ihrem Alter, geplanter Abgabe der Praxis, Nachfolgeregelung u.v.m.). Faszinierend war: alle haben mitgemacht. Das war ein unheimlicher Aufwand, der sich aber am Ende gelohnt hat. Diese Datenerhebung war Grundlage für unsere Versorgungsplanung und so sind auch die ersten Gesundheitszentren im Landkreis Reutlingen entstanden.

In einem anderen Modellprojekt (zur sektorenübergreifenden Versorgung) haben die Gesundheitsämter mit universitären Partnern mit Förderung des Sozialministeriums zwischen 2016 und 2018 neue Ansätze zur gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung entwickelt. Die Landkreise Reutlingen, Biberach und Ravensburg bildeten die Modellregion Südwürttemberg und erarbeiteten über die Kreisgrenzen hinweg Lösungen für eine sektorenübergreifende Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen. Im Rahmen dieses Projekts wurden von den Sozialversicherungsträgern und der KV Daten zur Verfügung gestellt, die Basis dieses Projekts waren.

Abschließend möchte ich noch festhalten, dass man vor allem im öffentlichen Gesundheitsdienst oft einen langen Atem braucht. In vielen Sachen haben wir klein angefangen und Pionierarbeit leisten müssten. Der Erfolg am Beispiel des Landkreises Reutlingen gibt uns aber recht. Wir sind auf dem Weg zu einer Primärverssorgungsregion und wollen dabei nicht nur die Gesundheitszentren, sondern alle anderen ambulanten Akteure einbinden und mit dem stationären Bereich vernetzen. Sektorenübergreifende Versorgung soll gelebt werden und damit eine Versorgung aus einem Guss.