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Dr. Christoph Löschmann: „Kinzigtal lebt und zeigt positive Effekte bei Langzeitpflege, Sterbealter und Wirtschaftlichkeit“

Christoph LoeschmannDr. Christoph Löschmann. Foto: Gesundes KinzigtalIm Interview mit OptiMedis berichtet Dr. Christoph Löschmann, Geschäftsführer der Gesundes Kinzigtal GmbH, an der OptiMedis sowie das Medizinische Qualitätsnetz – Ärzteinitiative Kinzigtal (MQNK) beteiligt sind, was hinter den Gerüchten um die Vertragskündigung durch die AOK steckt und was die neuesten Auswertungen zeigen.

Herr Dr. Löschmann, im Sommer wurde berichtet, dass der Vertrag mit Gesundes Kinzigtal von der AOK Baden-Württemberg gekündigt wurde. Was steckt dahinter?

Diese Kündigung ist ein ganz normaler Prozess. Wir arbeiten seit längerer Zeit schon mit der AOK daran, unsere Zusammenarbeit an die sich verändernden Rahmenbedingungen anzupassen. Da die Laufzeit des Vertrages unbefristet war, hat die AOK ihn in Absprache mit uns vorsorglich gekündigt, aber auch bereits gesagt, dass es „erklärtes Ziel“ sei, den Vertrag weiterzuführen. Kinzigtal „lebt“ also genauso weiter wie bisher. Die AOK schätzt unsere Arbeit, die Patienten sind begeistert dabei, die Kommunen und Betriebe aus dem Kinzigtal arbeiten mit uns sehr gut zusammen und für die Kassenärztliche Vereinigung und den Kreis sind wir die erste Anlaufstelle rund um die Pandemie. Wir investieren weiter in die IT, entwickeln neue Versorgungsprogramme und evaluieren den Outcome.

Die Evaluationsstudien der ersten zehn Jahre von Gesundes Kinzigtal vor allem auf Prozessindikatoren ausgerichtet. Langfristig wollen Sie sich aber stärker auf Ergebnisindikatoren fokussieren. Warum?

Zu den Prozessindikatoren gehören beispielsweise die Zufriedenheit von Patienten und Akteuren oder die Übereinstimmung der Arzneimitteltherapie mit Leitlinien. Sie waren für die Evaluationen der ersten Jahre durchaus nützlich, weil die Wirkung der Integrierten Versorgung bei vielen Indikatoren erst mit einer Zeitverzögerung von mehreren Jahren eintritt. Wir haben es aber im Hinblick auf das gewünschte Outcome einer Integrierten populationsorientierten Versorgung – nämlich der verbesserte Gesundheitszustand bei effizientem Einsatz der Ressourcen – immer mit komplexen Wirkmechanismen zu tun. So kann beispielsweise eine Integrierte Versorgung mit Schwerpunkt auf Aktivierung der Patienten hin zu gesünderem Verhalten und mehr Bewegung bei dem Prozentsatz der mit Betablockern behandelten Hypertoniepatienten möglicherweise schlechter abschneiden als eine vergleichbare Regelversorgung ohne Unterstützung eines Kardio-Bewegungstrainings. Die positiven Effekte auf den Gesundheitsstatus von Patienten lassen sich mit eindimensionalen Kriterien, wie beispielsweise den Medikationsquotienten bei vorhandener Morbidität, nicht valide abbilden.

Und wie wollen Sie die Gesundheitsergebnisse valider messen?

Für die Gesamtbeurteilung einer Integrierten Versorgung aus dem Blickwinkel von Patienten, Akteuren, Krankenkassen und Kommunen halten wir einen Indikator für besonders interessant und vergleichsweise einfach zu messen – den Startzeitpunkt einer Langzeitpflegebedürftigkeit. Das heißt: Bei welchem Lebensalter wird den Versicherten zum ersten Mal ein Pflegebedürftigkeitsgrad attestiert? In den GKV-Routinedaten wird dieser Indikator erfasst und durch den Medizinischen Dienst wird er über ein Begutachtungsverfahren vergeben – er ist relativ manipulationsresistent für die Partner eines Integrierten Versorgungssystems, wenn die Informationen bezüglich der Möglichkeit der Beantragung von Pflegebedürftigkeit wie im Kinzigtal über neutrale Pflegestützpunkte gleichmäßig gestreut werden.

Der besondere Vorteil liegt darin, dass sich in dem Alterszeitpunkt auch ein Ergebnis der direkten wie auch indirekten Effekte darstellt, die aus der Etablierung von Versorgungsprogrammen für chronische Erkrankungen, aus der Behandlungsintensität, dem Medikationsverhalten der Ärzte sowie auch aus der Stärkung von Selbstmanagement, Gesundheitskompetenz und Aktivierung sowie aus dem verstärkten Einsatz von Bewegungsempfehlungen, Ernährungsunterstützung oder Raucherentwöhnung resultieren. Ziel vieler Aktivitäten im Kinzigtal war und ist – neben der verbesserten Vernetzung und Information der Partner in der Behandlungskette – die allgemeine Gesundheitsförderung und die Optimierung der Versorgung bei schon aufgetretenen chronischen Erkrankungen und damit im Endeffekt die zeitliche Verschiebung des Auftretens bzw. der Progression von Erkrankungen. Um diese Effekte mit einer Nachhaltigkeit zu versehen, setzen wir u.a. ein aktives Case-Management ein. Das Case-Management wirkt dabei in zwei Richtungen, zum einen entlastet es die Praxen bei der Führung ihrer Patienten, zum anderen stellt es für die Patienten Zeit und Raum zur Verfügung, um an Themen wie der Gesundheitskompetenz, den persönlichen Gesundheitszielen, der Krankheitsverarbeitung oder der Compliance zu arbeiten. Ein Erfolg dieser Maßnahmen würde sich dann zum einen in einer zeitlichen Verschiebung des Eintretens der Langzeitpflege, gegebenenfalls auch des Renteneintrittsalters und als Endpunkt in einem späteren Sterbealter widerspiegeln. Beides haben wir für Gesundes Kinzigtal evaluiert.

Mit welchen Ergebnissen?

Wir haben in einer Analyse Versicherte, die an den Programmen von Gesundes Kinzigtal teilgenommen haben, mit ähnlich alten und kranken Versicherten verglichen, die im Kinzigtal wohnten, aber nicht in Gesundes Kinzigtal eingeschrieben waren. Das durchschnittliche Alter der Personen, die im ersten Jahr nach Teilnahme an einem Versorgungsprogramm eine Langzeitpflege (=Pflegestufe/-grad von mindestens 1) erhielten, lag bei den Programmteilnehmern bei 72,3 Jahren. Die Nicht-Teilnehmer von Gesundes Kinzigtal waren beim Start einer Langzeitpflege mit durchschnittlich 71,1 Jahren 1,2 Jahre jünger. Während das durchschnittliche Alter bei Start einer Langzeitpflege bei Programmteilnehmern acht Jahre nach erstmaliger Teilnahme an einem Versorgungsprogramm um 2,9 Jahre auf 75,2 Jahre zunahm, blieb das durchschnittliche Alter der Nicht-Teilnehmer, mit Schwankungen in den Jahren dazwischen, konstant bei 71,1 Jahren. Aus epidemiologischer Sicht ist also eine Morbiditätskompression erzielt worden, die sich sowohl positiv auf die Gesundheitswahrnehmung als auch auf die Kostenentwicklung auswirkt.

Eine weitere Kennzahl für das erzielte Gesundheitsergebnis liegt in der vorzeitigen bzw. verringerten Sterblichkeit. Hierzu haben wir schon vor einiger Zeit Ergebnisse veröffentlicht. Das durchschnittliche Sterbealter lag bei Teilnehmern von Gesundes Kinzigtal bei 79,9 Jahren, wobei Nicht-Teilnehmer im Durchschnitt mit 77,1 Jahren starben. Insgesamt starben in den sechs Folgejahren nach Einschreibung 126 Teilnehmer von Gesundes Kinzigtal weniger als in der Kontrollgruppe, dadurch lag ihr Sterberisiko um 19 Prozent niedriger als bei den Nicht-Teilnehmern.

Gleichzeitig haben wir für das Jahr 2019 übrigens auch wieder positive wirtschaftliche Ergebnisse – sie wurden von der AOK allein vor kurzem mit 4,3 Millionen Euro veröffentlicht.

Die AOK erhebt ja auch regelmäßig Indikatoren, die für „Qualität in Arztnetzen – Transparenz mit Routinedaten“ stehen. Wegen seiner überdurchschnittlichen Ergebnisse erhielt das MQNK, das seine Arbeit in Gesundes Kinzigtal organisiert und steuert, das Prädikat in Silber. In welchen Bereichen haben Sie gut abgeschnitten?

Der QuATRo-Bericht von 2021 analysiert 15 Qualitätsaspekte wie etwa die leitliniengerechte Versorgung der behandelten Patienten mit Medikamenten oder die Verhinderung von Krankenhaus-Aufenthalten. Auch Aspekte der Patientensicherheit, wie die Verordnung von potenziell inadäquaten Medikamenten im höheren Lebensalter, spielen eine Rolle.

Wir haben dabei in mehreren Bereichen sehr gut abgeschnitten. Zum Beispiel wurden im Versorgungsgebiet von Gesundes Kinzigtal zirka sieben Prozent weniger stationäre Aufenthalte als im Landesdurchschnitt verzeichnet. Und auch bei der Influenza-Impfrate, der Verordnung von Betarezeptorenblockern für Patienten mit Herzinsuffizienz, von oralen Antikoagulantien bei Vorhofflimmern und von inhalativen Corticosteroiden bei Asthma liegen wir deutlich über dem Landesdurchschnitt.

Darüber hinaus nutzen wir die Erkenntnisse aus QuATRo auch für das netzinterne Qualitätsmanagement, indem wir Best Practice-Ansätze identifizieren und netzintern teilen bzw. Handlungsfelder für den kontinuierlichen Verbesserungsprozess ableiten. So konnte beispielsweise im laufenden Jahr in unserem Versorgungsgebiet ein struktureller Versorgungsengpass bei der Augenhintergrund-Untersuchung bei Diabetikern durch organisatorische Maßnahmen zwischen den Leistungspartnern behoben werden.

Weitere Details zu den Auswertungen finden Sie online auf der OptiMedis-Webseite und in dieser Publikation: Gröne, O., Langenberger, B., Catalá, E., Wendel, P., Hildebrandt, H. (2021) Erfolgspotenziale durch ein optimiertes Versorgungsmanagement. In: Hildebrandt, Stuppardt (Hrsg.). Zukunft Gesundheit – regionalisiert, vernetzt, patientenorientiert. medhochzwei Verlag Heidelberg.