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Dr. Oliver Gröne: „Fehlende Datenbasis und zu kleine Interventionsgruppen erschweren Forschungsprojekte“

Seit 2019 arbeiten elf Konsortialpartner in Deutschland, Polen, Schweden, Dänemark, Spanien, Schottland und Israel an dem EU-Projekt ADLIFE (Integrated personalized care for patients with ADvanced chronic diseases to improve health and quality of life). Es zielt darauf ab, die Umsetzbarkeit von personalisierten, integrierten und digitalen Versorgungslösungen zu evaluieren, die es älteren Patienten mit fortgeschrittener chronischer Krankheit länger erlauben soll, in ihrem eigenen Zuhause zu leben. OptiMedis leitet in dem Projekt das Arbeitspaket „Business Exploitation“ und erarbeitet mit den sieben Pilotstandorten Kommerzialisierungsstrategien für die nationalen Lösungen. Außerdem stellt OptiMedis mit dem Gesunden Werra-Meißner-Kreis den deutschen Pilotstandort. Mit Dr. Oliver Gröne, stellvertretender Vorstandsvorsitzender von OptiMedis, und Fritz Arndt, Gesundheitsmanager beim Gesunden Werra-Meißner-Kreis, sprechen wir über die Ziele des Projekts und die Herausforderungen bei der Umsetzung in Deutschland.

Herr Dr. Gröne, worum geht es bei dem ADLIFE-Versorgungsprojekt?

Oliver GroeneDr. Oliver Gröne. Foto: OptiMedisOliver Gröne: Es geht darum, Patienten zu mehr Adhärenz und Compliance im Hinblick auf ihre Therapie und ihre Ziele zu motivieren. Dies geschieht zum einen über Shared Decision Making (SDM) mit dem Hausarzt, zum anderen über Shared Action Planning (SAP) mit einem Fallmanager. Die Verbindlichkeit der Therapieziele soll über die Visualisierung in einer Patientenapp gesteigert werden. Außerdem gibt es neben der App weitere digitale Lösungen, eine Plattform zur Ziel- und Aktionsdefinition durch die Behandelnden sowie ein System, um die Entscheidungsfindung zu unterstützen. Es schlägt auf Basis konsolidierter digitalisierter Leitlinien u. a. Therapien und Ziele vor, die der Arzt übernehmen kann, wenn er möchte.

Herr Arndt, welchen Herausforderungen stehen Sie bei der Umsetzung im Gesunden Werra-Meißner-Kreis gegenüber?

Fritz ArndtFritz Arndt. Foto: OptiMedisFritz Arndt: Ein großes Problem ist die fehlende Datenbasis. Weder ambulante Akteure noch das kommunale Krankenhaus sind aktuell in der Lage, Patientendaten über standardisierte Prozesse zur Verfügung zu stellen. Im ambulanten Bereich werden die verschiedensten Praxisverwaltungssysteme genutzt, während das Krankenhaus die Daten im Patientendatenmanagementsystem verwaltet. Dieses ist aber nicht mit dem Krankenhausinformationssystem verbunden, weshalb ein Export ohne Auftrag an den Monopolanbieter nicht möglich ist. Und auch über die elektronische Patientenakte können relevante medizinische Daten momentan nicht strukturiert zusammengeführt werden. Das macht die Umsetzung des ADLIFE-Systems sehr schwer.

Oliver Gröne: Ein weiteres Problem ist, für die Interventionen die passenden Patienten zu finden, da dies von Krankenkassenzugehörigkeit, Morbidität des Patienten sowie Vertragszugehörigkeit des Arztes und des Pflegedienstes abhängig ist. Praktisch bedeutet dies: Von 23.000 Menschen im Gesunden Werra-Meißner-Kreis mit nach IV-Vertrag passender Krankenkassenzugehörigkeit, passen nach Krankheitsdiagnose nur ungefähr 3.400 Menschen in das Projekt. Nach Schweregradberücksichtigung bleiben von den 3.400 noch zirka 700 potenzielle Teilnehmer.

Fritz Arndt: Gleichzeitig ist die Zielgruppe für digitale Lösungen noch nicht offen genug. Mit der Zielgruppe COPD und/oder Herzinsuffizienz inkl. Multimorbidität (Angst, Depression, Diabetes Typ 2, Niereninsuffizienz) spricht das Projekt eher ältere Patienten ab 60 Jahre aufwärts an. Diese Altersgruppen sind immer offener dafür, digitale Lösungen für ihr Gesundheitsmanagement zu nutzen. Jedoch gehen wir aktuell aus unserer Praxiserfahrung heraus von einem Verlust von über 50 Prozent passender Teilnehmer aus, wenn wir erwähnen, dass der regelmäßige Smartphone- oder PC-Gebrauch Teil des Projektes ist.

Was bräuchte ein Projekt dieser Art also als Grundvoraussetzung?

Fritz Arndt: Um Skaleneffekte effizient zu nutzen, müssen wir die gesamte Bevölkerung einer Region mit unseren Interventionen ansprechen können. Deswegen wäre es sinnvoll, wenn es eine lokale Integrationseinheit gäbe, die die Versorgung organisiert und auch mit möglichst allen Krankenkassen zusammenarbeitet. Außerdem brauchen wir eine einheitliche Datenbasis für die Therapieentscheidung und die elektronische Patientenakte muss flächendeckend genutzt werden. Hier steckt ein großes Potenzial, die Gesundheit der Menschen zu verbessern.

Oliver Gröne: Es wäre sinnvoll, wenn die Algorithmisierung von klinischen Leitlinien weiterhin zentral angetrieben wird, wie dies auch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften bereits erkannt hat. Dies ist wichtig, um die Inhalte der Leitlinien leichter in digitale klinische Entscheidungsunterstützungssysteme zu übertragen.

Was sind die nächsten Schritte im Gesunden Werra-Meißner Kreis?

Fritz Arndt: Zurzeit fließt noch viel Arbeit der Konsortialpartner in die Entwicklung der digitalen Plattform. Parallel bereiten wir mit den Partnern in der Region die Umsetzung vor. Dazu gehören die Prüfung der datenschutzrechtlichen Grundlagen, die Etablierung einer regionalen IT-Serverstruktur und nicht zuletzt viel Arbeit, um den Partnern in der Region den Nutzen des Projektes zu kommunizieren und somit die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Rekrutierung von Ärzten, Pflegern und Patienten zu schaffen.