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Prof. Reinhard Busse: Methodisch saubere Evaluation ist Grundvoraussetzung für Integrierte Versorgung

Prof. Dr. Reinhard BusseProf. Dr. Reinhard BusseOptiMedis im Gespräch mit Prof. Dr. Reinhard Busse, Inhaber des Lehrstuhls Management im Gesundheitswesen an der Fakultät Wirtschaft und Management der Technischen Universität Berlin.

Herr Prof. Busse, Sie waren gemeinsam mit Helmut Hildebrandt beim Internationalen Symposium des Commonwealth Fund in Washington. Sie haben dort u. a. über Gesundes Kinzigtal referiert und kritisiert, dass deutsche Projekte auf dem internationalen Parkett zu wenig bekannt sind. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich denke, dass international Entwicklungen im angel-sächsischen Raum, also vor allem in den USA oder in Großbritannien, sehr viel stärker wahrgenommen werden, gefolgt von einigen skandinavischen Ländern und den Niederlanden, da die dortigen Wissenschaftler sehr viel eher auf Englisch publizieren. Hingegen wird in größeren Ländern wie Frankreich, Italien oder eben auch Deutschland immer noch sehr stark in den nationalen Sprachen publiziert und diskutiert, was dann im Ausland sehr wenig wahrgenommen wird. Die deutsche Perspektive in die Debatte einzubringen war vor mittlerweise fast 15 Jahren auch einer meiner Hauptmotivatoren, um zum European Observatory on Health Systems and Policies zu gehen. Und der Commonwealth Fund ist ja ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Wahrnehmung langsam ändert: Anfangs waren neben den USA und Großbritannien nur Kanada, Australien und Neuseeland vertreten, heute sind es 11 Länder einschließlich Deutschland.

In Washington waren Gesundheitsminister und Experten der führenden Industrienationen und haben über ihre Erfahrungen berichtet. Gibt es Leuchtturmprojekte oder Akteure, von denen wir uns etwas abschauen können?

Um diese Frage beantworten zu können, ist es zunächst notwendig zu definieren, was als „Leucht­turm“ gelten darf. Meines Erachtens ist eine methodisch saubere Evaluation dafür eine Grundvoraussetzung – ohne eine solche kann ich ja die Vorteilhaftigkeit gegenüber der Normalversorgung nicht feststellen. In Europa war es nicht einfach, wirklich gut evaluierte Projekte zu finden; wir haben schließlich neben dem Kinzigtal nur die niederländischen Care Groups und die englischen Integrated Care Pilots gelten lassen – beide übrigens international wesentlich bekannter. Überrascht war ich persönlich aber von der Vielzahl evaluierter Ansätze in den USA, wo es eben längst nicht nur Kaiser Permanente gibt, sondern eine breite Vielfalt an Zielgruppen, Integrationsansätzen und Finanzierungsmodellen. Aber natürlich sind die dortigen Modelle noch mehr Insellösungen als bei uns.

Und wie steht Deutschland mit seinen IV-Projekten im Vergleich da?

Es ist etwas schwierig, „die“ IV-Projekte in Deutschland einzuordnen, da die allermeisten ja sehr bescheidene Ansätze sind und hinter den Niederlanden und England zurück bleiben. Die Care Groups sind zwar, ähnlich wie unsere DMPs, nur indikationsbezogen, aber fast flächendeckend. Und die Pilots in England zielten zwar überwiegend „nur“ auf Hochrisikogruppen ab, sind inzwischen aber bereits von einer neuen Generation von IV abgelöst worden, die die Ergebnisse der ersten Generation berücksichtigt. Die wirklich bevölkerungsbezogenen IV-Projekte wie das Gesunde Kinzigtal, die noch dazu von klaren, aber doch simplen finanziellen Anreizen untermauert sind, können international als vorbildlich gelten. Ich hoffe, dass die soliden Evaluationsergebnisse international breit gestreut und so bekannt werden.