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OptiMedium Dezember 2018

 

Aus Wissenschaft und Forschung

Gesundheitsstandort Privathaushalt: Einst nebensächlich, jetzt Hoffnungsträger

Gastbeitrag von Prof. Dr. Ulrich Otto, Careum, Schweiz

Prof OttoProf. Dr. Ulrich Otto. Foto: Careum Hochschule Gesundheit Der Gesundheitsstandort Privathaushalt wurde lange unterschätzt. Mit der starken Zunahme an chronisch und mehrfach kranken Menschen rückt er ins Zentrum und nimmt auch in der Integrierten Versorgung eine immer größere Rolle ein. Prof. Dr. Ulrich Otto, Leiter Forschung in der Careum Hochschule Gesundheit (Zürich) beschreibt in einem Gastbeitrag für OptiMedis, wie der Gesundheitsstandort Privathaushalt gestärkt und in die Integrierte Versorgung einbezogen werden kann. Zusammen mit Prof. Otto und weiteren Initiativen arbeitet OptiMedis in der Schweiz an der Entwicklung von Integrierten Versorgungslösungen.

Wir könnten in diesem Artikel einfach vom „Zuhause“ oder vom „Privathaushalt“ sprechen. Warum also die Rede vom „Gesundheitsstandort Privathaushalt“ (zuerst: Fachinger & Henke 2010)? Weil es sich beim Privathaushalt auch um jenes Setting handelt, in dem alle gesundheitlichen Herausforderungen „zuhause sind“, und das damit eine außerordentlich wichtige gesellschaftliche Funktion mit größter Selbstverständlichkeit übernimmt – nicht hinterfragt und oft genug ungesehen.

Im Privathaushalt werden gesundheitliche Erfahrungen gemacht und der Umgang mit Gesundheit und Krankheit lebenslang gelernt, ausgeübt und allenfalls wieder modifiziert. Das zeigt sich auch in der Realität: In der Schweiz beispielsweise wendet sich lediglich ein Drittel der Menschen mit Symptomen überhaupt an einen Arzt, eine Apotheke oder ein Spital. Zwei Drittel behelfen sich mit Selbstsorge, mit vertrauten oder ähnlich betroffenen Personen – also vor allem im Privathaushalt. Er ist der Ort, an dem bestimmt wird, ob Gesundheitsförderung, Prävention und Resilienz mehr oder weniger Chancen haben.

Der Gesundheitsstandort Privathaushalt muss gestärkt werden

Es gibt gute Gründe, den Privathaushalt als Gesundheitsstandort weiter zu erforschen und zu unterstützen: Zum einen wegen der demografischen Entwicklung, zum anderen, weil die Gesundheitsversorgung weltweit auf akute Krankheiten ausgerichtet ist und deshalb vor allem bei chronisch und immer häufiger auch mehrfach erkrankten sowie sterbenden Menschen an ihre Grenzen stößt. Deshalb ist die Suche nach Integrierter Versorgung so wichtig, nicht zuletzt am Gesundheitsstandort Privathaushalt – sowohl mit Blick auf die Gesundheitsversorgung als auch die Langzeitversorgung. Gesellschaft und Gesundheitssystem müssen den Gesundheitsstandort Privathaushalt also qualifizieren und fördern:

  • Ressourcen stärken – die Basis sind interne und externe soziale Netzwerke
  • Gesundheitskompetenz fördern – vom Selbstmanagement (z.B. das Evivo/Insea-Programm) bis zur Systemkompetenz (wer bietet welche Unterstützung in welcher Situation?).
  • Neue robuste Wohnformen entwickeln – vor allem für zu Hause und zwischen Heim und Daheim, verbunden mit nachbarschaftlich oder quartierweit organisierten Betreuungskonzepten (z.B. Caring Communities; vgl. Otto & Hegedüs 2018).
  • „Neue“ Fachkräfte und Akteure gewinnen – die sich für ganzheitliche Versorgung und Koproduktion einsetzen (exemplarisch z.B. Hediger & Bischofberger 2017).
  • Hardware und Technik – z. B. für Barrierefreiheit, Sicherheit (Sturz-Prävention), Therapie-Unterstützung und Aktivierung (Telemonitoring, Tutorials) Logistik
  • Anreize (finanzielle und nichtfinanzielle) – die pflegenden und betreuenden Angehörigen bilden den größten Pflegedienst der Schweiz. Die heutigen Finanzierungs- und Vergütungslogiken bieten aber eher Fehlanreize (vgl. Trageser u.a. 2018).
  • Case Management und Koordination – gesucht sind neue, ganzheitliche Formen, die der Eigenlogik am Gesundheitsstandort Privathaushalt gerecht werden.
  • Qualitätssicherung und Wirkungsmessung – und damit die Bereitschaft von Staat und Privaten zu erhöhen, hier zu investieren.

Der Gesundheitsstandort Privathaushalt und Integrierte Versorgung

Die Zunahme der chronischen Krankheitsverläufe einer älter werdenden Bevölkerung verlangt aber neue, viel dynamischere Konzepte von Integration. Gerade dann, wenn Ziel der Behandlung und Betreuung nicht Heilung sein kann. Vielmehr geht es darum, die Funktionsfähigkeit möglichst lange zu erhalten und maximale Lebensqualität zu erreichen.

Als Folge davon löst sich das herkömmliche Modell der Versorgung mit einer deutlichen Trennung von ambulant und stationär zusehends auf. Aufenthalte in stationären Einrichtungen werden mehr und mehr zu „Stippvisiten“. Die betroffenen Menschen drängt es immer wieder nach Hause.

OM Patientenbehandlung

Die Pfeile in der Grafik oben zeigen, wie sich das herkömmliche Modell mit einer deutlichen Trennung von ambulant und stationär und einer Ablauflogik von links nach rechts zusehends auflöst und der Bereich „Zu Hause“ eine immer größere Rolle einnimmt. Der Trend weist Richtung „home care“ und „hospital@home“ mit innovativen Pflege- und Therapiemodellen bei komplexer Nachsorge, mit aufsuchender Behandlung und Betreuung, alltagsunterstützenden Assistenzlösungen, Telemonitoring, digitaler Vernetzung der Akteure und Gesundheitsstandorte. Dank verstärkter Integration gibt es Prozesse, die von der häuslichen über die ambulante und teilstationäre Versorgung in die Reha hineinlaufen – und dann wieder nach Hause führen.

Angesichts dieser Verschiebungen nimmt die Krankheits- und Lebensbewältigung im Privathaushalt und im sozialen Umfeld eine zunehmend wichtigere Rolle ein – die häusliche Umgebung wird, neben ambulant und stationär, zum dritten Gesundheitsstandort (nach Müller-Mielitz et al., 2016).

Die Langfassung des Artikels ist im Newsletter fmc Impulse erschienen und hier online zu lesen.

Prof. Dr. Ulrich Otto (*1961) leitet das 24-köpfige Forschungsinstitut der Careum Hochschule Gesundheit (Zürich) sowie den dortigen Programmbereich «Ageing at Home». Er ist habilitierter Sozialpädagoge und Sozialgerontologe. Seine Schwerpunkte:
Koproduktion im Welfare Mix, soziale Netzwerke und Unterstützung, pflegende und betreuende Angehörige, integrierte quartiersorientierte Versorgung am Gesundheitsstandort Privathaushalt, Caring Communities, innovative Wohnpflegeformen, gemeinschaftliche Wohnformen.

Literatur

Fachinger, U. & Henke, K.-D. (2010). Der private Haushalt als Gesundheitsstandort. Theoretische und empirische Analysen. Baden-Baden: Nomos.

Hediger, R. & Bischofberger, I. (2017). Neue Rollen, neue Fertigkeiten, neue Perspektiven: Personal- und Versorgungslücken: Neue berufliche Rollen und ihre Potenziale in der Pflege. Clinicum, 13(1), 88-91.

Müller-Mielitz, S. et al. (Hg.). (2016). Innovationen in der Gesundheitswirtschaft. Theorie und Praxis von Businesskonzepten – 10 Jahre B. Braun-Stiftung Mentoringprogramm. Melsungen: Bibliomed.

Nestmann, F. (1989). Förderung sozialer Netzwerke – eine Perspektive pädagogischer Handlungskompetenz? Neue Praxis, 19, 107-123

Otto, U. (2011). Soziale Netzwerke.  In Otto, H.-U. & Thiersch, H. (Hg.), Handbuch Sozialarbeit/Sozialpädagogik (S. 1376-1389). München: Reinhardt. http://www.reinhardt-verlag.de/de/programm/schwerpunkte/titel/51085/

Otto, U. & Hegedüs, A. (2018). Alternsfreundliche Quartiere und Wohnformen – Sicht der Forschung. In: SAGW-Bulletin, Bern http://www.sagw.ch/sagw/oeffentlichkeitsarbeit/bulletin.html 

Trageser, J., Gschwend, E., von Stokar, T., Landolt, H., Hegedüs, A. & Otto, U. (2018). Evaluation der Neuord­nung der Pflegefinanzierung. Schlussbericht ans BAG. Zürich: Infras. (Download hier)

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